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Der andere Verein

Ich sitze in meiner Stammkneipe. Vor mir ein Glas Apfelwein und in meiner Hand eine Zigarette. Es ist unter der Woche, deswegen hält sich die Dichte an Gästen in Grenzen. Lediglich die üblichen Alkoholiker nippen schon an ihrem zehnten Bier. Alte weiße Männer mit Bärten, die an Ihren Zigaretten ziehen und selbstgefällig in Erinnerungen an ihre großen Taten vor der Rente denken. Sie führen sich auf, wie ein Treffen der weisen Greise. So kann man sich sein gescheitertes Leben auch schön reden. Alltagssexismus, Rassismus und jede Menge anderer sprachlicher Müll.

„Hey, du studierst doch Theologie, oder?“, die Stimme des Kellners reißt mich aus meinen Gedanken. „Ja, wieso?“, antworte ich und nippe nochmals an meinem Glas. Was kommt nun schon wieder? Eine ewig lange Diskussion um Glaube, Kreuzkriege und Kirchensteuer?

„Wie funktioniert das eigentlich mit der Vergebung bei euch, Protestanten? Ave Maria? Rosenkranz? Muss ich mit so ’nem Pfarrer reden?“

„Nee, das ist der andere Verein.“, antworte ich schmunzelnd. „Bei uns ist das so: Gott hat seinen eigenen Sohn zu uns geschickt…Weihnachten und so…und durch Jesus lädt Gott uns dazu ein, seine Kinder zu sein. Und an Ostern hat Jesus nicht nur den Tod besiegt, sondern auch die Sünde. Uns ist also alles schon vergeben.“

„Also kann ich jeden Scheiß machen und das ist Gott egal?“, fragt die Kellnerin verblüfft.

„Naja, sobald du zu Gott ja sagst, versuchst du ja weder ihm noch anderen Menschen zu schaden…also machst du zumindest absichtlich nicht jeden Scheiß. Aber so ganz fehlerfrei sind wir Menschen alle nicht.“

Sie nickt und wendet sich ab. Wortlos stellt sie mir einen Schnaps hin.

„Danke.“, sagt sie. Ich nicke und Kippe den Schnaps, dann zünde ich mir eine neue Zigarette an und versenke ich mich zurück in meine Gedanken.

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