Menthol-Zigaretten

“Nur das Klavier versteht mich. Mit ihm kann ich Märchen erzählen, Bilder malen, Theaterstücke schreiben.”

Egal, wo ich bin, ist da ein Klavier, fühle ich mich zuhause. Als Kind habe ich davon geträumt ein Haus zu haben, wo in jedem Zimmer ein Klavier steht.
Ganz bunt in allen Regenbogenfarben oder ganz aus Glas. Mein allerliebster Flügel stand jedoch in unserem Gemeindesaal. Ein schlichter schwarzer Flügel mit goldenen Scharnieren. Gigantisch und gleichzeitig wunderschön wirkte er immer auf mich.
Darauf spielen kann ich absolut nichts, außer vielleicht ein paar Dreiklänge. Ich hatte niemals die Zeit oder das Durchhaltevermögen mehr zu lernen. Und trotzdem ging von diesen Instrumenten immer ein Gefühl der Geborgenheit aus.
Und jetzt sitzt er wieder an diesem wunderschönen Tasteninstrument. Ich stehe daneben und streiche über da Holz des Flügels. Ich spüre jede kleine Macke.
Ich schließe die Augen und genieße jeden einzelnen Ton von “Let it be”.
Er weint nicht, obwohl es ihm schwerfällt. Er bleibt stark, obwohl seine Stimme zittert.
“Kein Leid bückt sich so tief, aber dem Glück ist es egal, wie klein es sich machen muss, um einen Menschen zu erreichen und ihn zum Lächeln zu bringen.”
Er zitiert meine Worte, als er den Flügel zuklappt. Er legt die Schutzhaube über das Wunderwerk. Dann verabschiedet er sich von der Küsterin und dankt ihr fürs Aufschließen. Er ist nicht mehr oft in diesem Saal, diese Gemeinde ist nicht mehr sein Zuhause, aber jedes Jahr am selben Tag kommen wir gemeinsam hierher. 
Wir schlagen den Weg zum Friedhof ein. Es ist ein nicht allzu langer, aber schweigsamer und nachdenklicher Weg. Er bleibt am Mülleimer stehen und zündet sich eine Zigarette an. Ein Mann geht an uns vorbei und wirft seine Zigarette in den Mülleimer. Von ihm bleibt nur eine Duftwolke aus Menthol-Zigaretten.

Wir gehen weiter bis zu einem Grab mit frischen Blumen und einer brennenden Kerze. Er kramt einen Briefumschlag aus seiner Tasche.
“Alles Gute zum 19. Geburtstag, Mausi”, flüstert er und legt den Briefumschlag auf das Grab.
“Dankeschön”, flüstere ich.
Er lächelt kurz, als ein Sonnenstrahl in sein Gesicht fällt.
“Bis nächstes Jahr”, sage ich und verschwinde.
“Bis nächstes Jahr, Mausi.”
Er dreht sich um und geht. Nur die Duftwolke der Menthol-Zigaretten liegt noch in der Luft.

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