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Wie alles begann…

Wir versetzen uns heute zurück in das Jahr 2009. Ich war 13 und er 18. Voller Vorfreude machte ich mich zusammen mit meiner Mama auf dem Weg in die Stadthalle, in der unsere Schule ein Musical inszenierte. An der Tür zum Saal stand ein Junge in einer schwarzweißgefleckten Kuhfellweste. Sein Gesicht war mir nicht unbekannt, denn, wie es in Kleinstädten nun mal so ist, man kennt sich. Er war im Kindergarten der beste Freund meines Bruders gewesen und jedes Mal, wenn meine Mama mit mir an ihm auf der Straße vorbeilief, sagte sie : “Der ist auch vom anderen Ufer.” Klar, hatte ich das Wort schwul schon einmal gehört, aber was das genau bedeutete, davon hatte ich keine Ahnung. Nun ja, das Musical war sehr schön. Fast hatte ich den Jungen schon vergessen, als ich am nächsten Tag einen Anruf von meiner besten Freundin erhielt. Und dieser sollte der Beginn einer mittelschweren pubertären Katastrophe sein. Sie hatte sich verliebt genau in diesem Jungen in der Kuhfellweste. Klar, sahen wir ihn einige Male auf dem Schulhof unserer Schule, aber er schien unerreichbar. Der Tag, der dies änderte war, der erste Tag unseres Konfirmandeneinführungswochenendes. Die Kirche war angefüllt mit 52 Konfirmanden und einigen ehrenamtlichen Teamern. Und genau dort in der ersten Reihe saß er. Das musste wohl Schicksal sein. Und spätestens als er die Theatergruppe der Kirchengemeinde vorstellte, deren Leiter er war, war es anscheinend auch im mich geschehen. Ich wollte nun wohl auch an das andere Ufer, wo auch immer das war. Und wie das nun bei Pubertierenden so ist…wir drehten total durch. Wir wurden Mitglieder der Theatergruppe, schrieben im auf Windows Live Messenger (tja, hätte es damals mal Whatsapp gegeben) und versuchten alles im Zeit mit ihm zu verbringen. Kurzum: Hätte man das Wort “Stalking” damals schon benutzt, wäre es wohl sehr passend gewesen. Doch wie es in seiner Tragödie nun mal so ist, muss auch die Katastrophe irgendwann kommen. Er hatte mich gefragt, ob ich wirklich in ihn verliebt war, so wie alle es in seinem Umfeld sagten, und ich hatte natürlich “Nein” geantwortet. In einem geschriebenen Gespräch lässt es sich nun mal besser lügen als von Angesicht zu Angesicht. “Ich habe gehört, dass der und der von DSDS schwul sind, wie findest du das?”, lautete eine der nächsten Nachrichten. “Das ist doch deren Entscheidung und Liebe ist doch Liebe.”, antwortete ich ohne wirklich darüber nachzudenken. Im Nachhinein betrachtet, ist es nur im Übrigen sehr peinlich, dass ich damals anscheinend nicht die hellste Kerze im Leuchter war. “Und du bist wirklich nicht mehr in mich verliebt ?” “Nein, natürlich nicht. Die Freundschaft ist mir viel wichtiger.” “Okay, ich bin nämlich auch schwul.” An diesem Moment erinnere ich mich noch sehr gut, denn es war so als ob mich jemand mit einem Brett auf den Kopf gehauen hätte. Nicht weil ich traurig war, sondern weil ich genau wusste, dass ich es meiner besten Freundin sagen musste…Später sollte dies auch das Ende der Freundschaft mit ihr markieren, da sie erst einmal nicht darüber hinweg kommen sollte. Gleichzeitig markiert dieser Moment, aber auch einen nun schon über 7 Jahre lang bestehende Freundschaft, die mich die Pubertät und die Anfänge meines Studiums überleben lassen sollte. Dieser Junge ist schuld. Schuld daran, dass ich der Mensch bin, der ich heute bin. Schuld daran, dass ich ein offener toleranter Mensch bin. Mittlerweile weiß ich um welche Ufer es meiner Mutter ging, aber ich bleibe dann doch lieber in der Mitte des Flusses. So begann es, dass ich wohl ein Schwulenmagnet bin. Die Frage, was gewesen wäre, wenn ich mich doch für meine beste Freundin entschlossen hätte, habe ich mir nie gestellt. Manche Menschen sagen ja, dass vieles aus einer einzigen Entscheidung resultieren kann. Ich glaube ohne diesen Jungen würde ich weder Theologie studieren, noch so viele tolle Menschen kennen. Ich würde sagen, vieles begann einfach mit ihm.

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